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Systemische Forschung in der Sozialen Arbeit

on 05 März, 2014
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Systemische Forschung in der Sozialen Arbeit bezieht sich auf die Grundfrage Sozialer Arbeit, nämlich die passende Lebensführung für Einzelne, Familien und Gruppen bzw. die damit verbundenen Probleme, eine solche Lebensführung sich anzueignen (frühe Kindheit), sie auszuwählen (Kindheit und Jugend), sie zu unterhalten (Erwachsensein) und zu erhalten (im Alter). Dabei verwirklicht sie eine spezifische, nämlich systemische Forschungsorientierung im Forschungsprozess. Die systemische Forschung orientiert sich zuvorderst an ihrer zentralen Unterscheidung von System und Umwelt. M.a.W.: an einem "innen" und einem "außen". So können etwa Interaktionsdynamiken und Kommunikationen etwa von Familien am besten verstanden werden, wenn man nach den Selbstorganisationsprinzipien der Familie selbst fragt, diese aber zugleich als Zusammenspiel mit systemexternen Erwartungen und Einflüssen beobachtet (Schule, Sozialraum, Gesellschaft) und in dieser Richtung Hypothesen anstellt.

Nach Tom Levold kann zwischen Erforschung von Systemen und systemischer Forschung unterschieden werden, um so Forschungsgegenstände und Forschungsmodi auseinanderhalten zu können. Mit dieser Unterscheidung kommt - so Heino Hollstein-Brinkmann (2012; 74ff.) - dann in den Blick, dass Systeme auch in nichtsystemischer Weise beforscht werden können, also etwa im randomisierten Kontrollgruppendesign, das Levold als Beispiel eines objektivierenden, nichtsystemischen Verständnisses sieht.

Unter systemischer Forschung soll nach Hollstein-Brinkmann die Nutzung systemischer Methoden der Diagnostik und Intervention als Forschungsinstrumente verstanden werden; zum Beispiel die Verwendung von Genogrammen in der rekonstruktiven Familienforschung oder das zirkuläre Fragen als Instrument der Befragung im Forschungsprozess. Zudem werden die Annahmen der Kybernetik zweiter Ordnung, die Mitkonstitution des Gegenstandes durch Beobachter und der Interventionscharakter von Forschung bei der Untersuchung sozialer Wirklichkeit herausgearbeitet und es wird versucht, darüber einen Zusammenhang zwischen empirischer Forschung und Luhmann'scher Systemtheorie herzustellen.hollstein brinkmann

Systemisch aufgeklärte Forschung setzt bei der Selbstbeobachtung der Forscher an. Zirkuläres Fragen kann als Instrument systematischer Selbstevaluation in allen Phasen eines Beratungsprozesses nützlich sein also hinsichtlich Auftragsklärung, Analyse des Problemsystems, Helferkooperation, Musterbildungen im Klientensystem und zwischen Klient und Professionellen, bei Zielklärungen, Veränderungsprozessen und Überprüfung der Erfolgskriterien.

Schließlich soll unter systemischer Forschung die Erforschung systemischer Praxis im Kontext Sozialer Arbeit verstanden werden, also die Erforschung systemisch fundierten Handelns, zum Beispiel systemische Beratung in unterschiedlichen Arbeitsfeldern Sozialer Arbeit. Aufgrund der handlungswissenschaftlichen Ausrichtung der Sozialen Arbeit ist gerade die Anwendung systemischer Technologien von besonderem Forschungsinteresse. Dabei ist zu beachten, dass das Verhältnis von Sozialer Arbeit, systemischer Beratung und Familientherapie nicht trennscharf zu fassen ist. Ob etwas als Erforschung systemischer Therapie oder systemischer Sozialer Arbeit verstanden wird, ist gerade bei der Anwendung von systemischen Methoden keine Grundsatz-, sondern eine Kontextfrage, so Hollstein-Brinkmann.

Literatur
Hollstein‐Brinkmann, Heino (2012): Systemische Forschung in der Sozialen Arbeit. In: Matthias Ochs und Jochen Schweitzer (Hg.): Handbuch Forschung für Systemiker. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 71–78.